Professur für Wissenschaftsforschung
 

Insektengesellschaften. Eine Studie über das soziale Imaginäre

Gegenstand dieses Forschungsprojekts sind die Formen des sozialen Zusammenlebens im Tierreich, die als »Staatenbildungen« bezeichnet und in erster Linie einigen Insekten zugesprochen werden. Nachdem schon Aristoteles in seiner Historia animalium neben dem Menschen auch Bienen, Ameisen und Wespen unter die Kategorie zoon politikon gerechnet hatte, fand die ›politische‹ Verfasstheit ihrer Sozialgebilde immer wieder reges Interesse bei ihren menschlichen Betrachtern. Im Hinblick auf ihre Sozial- wie auch ihre Geschlechterordnung sind vielfältige Operationen der Annäherung und Abgrenzung zu beobachten, mithilfe derer sich Menschen zu Insektenstaaten ins Verhältnis setzen und die ihren Niederschlag in naturkundlichen, politischen, philosophischen und literarischen Texten gefunden haben. Diese verschiedenen Weisen des Räsonnierens über die Sozialgebilde der Insekten sollen in diesem Projekt zum Gegenstand einer Wissensgeschichte gemacht werden, in der wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Formen des Wissens in ihrer Bezogenheit aufeinander untersucht werden. Dabei geht es nicht einfach darum, eine Verformung und Verzerrung des Wissens durch Anthropomorphisierung und Popularisierung zu diagnostizieren. Vielmehr lassen sich die an- und abgrenzenden Bezugnahmen als Operationen »politischer Zoologie« begreifen, die auch in epistemologischer Hinsicht von Relevanz sind. In der Auseinandersetzung mit Insektengesellschaften verbindet sich, so die These, die Anthropo­morphisierung tierischer Lebensformen mit der umge­kehrten Dynamik einer Zoologisierung des Menschen. Unter der historischen Voraussetzung, dass die Grundlagen der »Staatenbildung« nicht mehr vorrangig in Vernunft, sondern abseits der differentia specifica in physiologischen Prozessen oder sozialen Instinkten gesucht werden, konnten die Sozialgebilde von Bienen, Ameisen und Termiten so auch modellbildendes Potenzial erlangen.

 

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