
// MICHAEL HAGNER
Während die Mehrzahl der Studien zur Visualisierung in den Wissenschaften darin übereinstimmt, dass Bilder mehr sind als Quellen, Zeichen oder blosse Illustrationen, fehlt es bislang an einem genaueren Verständnis ihrer spezifischen Funktionen und Leistungen. Dementsprechend gilt es, die Besonderheiten epistemischer Bilder zu analysieren: Welche verschiedenen epistemischen Stile „wissenschaftlicher Bilder lassen sich unterscheiden? Welche Bedeutung kommt Bildern in den verschiedenen Stadien des Forschungsprozesses zu? Was macht die spezifi-sche, bildliche ≥Sprache„ einer Kurve, einer Karte, einer Tabelle, einer von Hand ge-zeichneten Skizze, eines Computerbilds oder eines Diagramms aus? Was unterscheidet die bildliche Darstel-lung eines Objekts oder Phänomens von seiner Repräsentation in Form von Zahlen oder Tönen? Worin besteht die Besonderheit epistemischer Bilder und wie verhalten sie sich zu tradier-ten (bei-spielsweise kunsthistorischen) Bildformen? Welchen Nutzen haben Echtzeit-Interaktionen für die wissenschaftliche Forschung, etwa für die Gestaltung immersiver Umwelten? Wieviel Wissen über die Herstellung von Bildern ist erforderlich, um gesicherte wissenschaftliche Aussagen zu treffen? Inwiefern können Bilder den interdisziplinären Austausch befördern?
Epistemische Bilder lassen sich nicht von ihren lokalen, sozialen und kulturellen Kontexten isolieren. Diese Bindungen müssen berücksichtigt werden, wenn es darum geht, Herstellung, Ästhetik und charakteristische Gebrauchsweisen der Bilder zu verstehen. Das Studium wissenschaftlicher Bilder ist Teil einer stärker auf die Praxis ausgerichteten Tendenz der Forschung, welche die Wissenschaftsgeschichte in den vergangenen zwanzig Jahren bestimmt hat. Entsprechend gehen wir davon aus, dass sich die epistemische Bedeutung der Bilder erst innerhalb ihrer praktischen und materiellen Verarbeitung herausbildet. Aus diesem Grund werden die historisch orientierten Projekte dieses Moduls wissenschaftliche Bilder im Hinblick auf ihre Produktion, Verbreitung und Anwendung untersuchen und in einer Vielzahl von Fallstudien eine vergleichende Analyse ihrer verschiedenen epistemischen Funktionen anstellen.