Was können uns ein paar alte Knochen sagen? Natürlich erzählen sie unterschiedliche Dinge, je nach theoretischer Linse, durch welche sie betrachtet werden, weshalb sie gleichzeitig Träger von Informationen zur Geschichte unserer Vorstellungen über menschliche Ursprünge sind. So begann der Held oder die Heldin meiner Geschichte, die nach ihrem Grabplatz in der Höhle von Paviland (Südwales) und der Inkrustierung der Knochen mit Ocker The Red Lady of Paviland genannt wird, als Steuereintreiber zur Zeit der römischen Besetzung Britanniens, wurde anschliessend zur Hexe oder gar Prostituierten, die die Soldaten des nahen Camps unterhielt, und endete schliesslich als Krieger der edlen Cro-Magnon Rasse und als prähistorischer Waliser. In der Biographie wird die Red Lady als wissenschaftliches Objekt verstanden, zugleich Fakt und Artefakt, in welchem wissenschaftliche Theorien und Praktiken, Persönlichkeiten und kulturelle Kontexte, konvergieren. Rekonstruiert wird eine fragmentarische Narrative, ausgehend von der Vorgeschichte der Paläoanthropologie, als das Alter der Menschheit zwischen biblischer Chronologie und neuem geologischen, paläontologischen und archäologischen Wissen neu ausgehandelt wurde, über Theorien der menschlichen Evolution zur Zeit der Weltkriege, bis zu einem modernen interdisziplinären und internationalen Ansatz in zeitgenössischen Exkavationsprojekten, der von neuen Technologien des Knochenlesens, wie etwa der DNA-Analyse, geprägt ist.