Professur für Wissenschaftsforschung
 

Images and Phantom Images

Die Geschichte technisch erzeugter Bilder wird meist als eine Erfolgsgeschichte der Repräsentation geschrieben: Immer bessere Techniken wurden entwickelt, immer genauere Bilder wurden auf immer schnellere Weise hervorgebracht. Der Geschichte des technischen Bildes entspricht aber von Anfang an auch eine Geschichte der technischen Bildstörung. Mit dem Erscheinen der Störung setzt die Botschaft aus: Statt der gewünschten Abbildung der Welt liefert der Apparat ein unvorhergesehenes Bild  seiner eigenen Materialität. Was in der Übertragung unsichtbar bleiben sollte – nämlich das technische Medium dieser Übertragung selbst – kommt jetzt als Bild zum Vorschein und irritiert den Fluß der Information.

Diesem Augenblick der Irritation gilt das Interesse des Projekts. Dabei geht es vor allem darum, die Unterbrechung nicht als defizitär, negativ oder peripher zu verstehen, sondern ganz im Gegenteil ihre Positivität herauszuarbeiten. Die Bildstörung ist ein Bild der Störung. Gerade im Augenblick seines Nicht-Funktionierens macht sich die Funktion eines bildgebenden Verfahrens bemerkbar und zwingt seine Entwickler oder Benutzer dazu, einzugreifen (oder über das sichtbare Gewordene nachzudenken).

Das Projekt behandelt die ästhetischen und epistemsichen Wirkungen dieses ikonographischen Unfalls am Beispiel der Fotografie. Zum einen soll gezeigt werden, daß die Geschichte der Fotografie seit jeher auch eine Geschichte der fotografischen Schleier, Schlieren, Unschärfen, abschmelzenden Bildschichten etc. war. Zum anderen soll in einzelnen Fallstudien die sogenannte „Fotografie des Unsichtbaren“ um 1900 (Röntgenstrahlung, Radioaktivität, Gedanken etc.) untersucht werden, bei der nicht mehr zweifelsfrei zu entscheiden war, was die die fotografische Platte eigentlich zum Vorschein gebracht hatte: Spuren des fraglichen Phänomens oder Spuren des Fotografischen selbst? Fakten oder Artefakte? „Eine winzige Ortsveränderung entscheidet darüber, ob ich ein Rauschen oder den Beginn einer Botschaft wahrnehme“ (Michel Serres). Schliesslich wird gezeigt, auf welche Weise Künstler (Strindberg, Polke, Araki) den ästhetischen Überschuss der Störung gezielt genutzt und in Szene gesetzt haben.

Bisherige Veröffentlichungen zum Thema:„Das Bild als Spur. Mutmassung über ein untotes Paradigma“. In: Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. ed. Sybille Krämer, Werner Kogge u. Gernot Grube. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 95-120.„Blow up“, in: Der liebe Gott steckt im Detail. Mikrostrukturen des Wissens", hg. v. Wolfgang Schäffner, Sigrid Weigel u. Thomas Macho, München: Fink 2003, S. 187-202„Was ist kein Bild? “, in: Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie, hg. v. Peter Geimer, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002, S. 331-341„L'autorité de la photographie. Révélations d'un suaire“, in: Etudes photographiques, 6/1999, S. 67-99

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