Professur für Wissenschaftsforschung
 

Remains, Relics, Stuff

Überall hausen Dinge: Man benutzt sie, sammelt sie, starrt sie an, entsorgt sie oder läßt sie auf sich beruhen. Jedenfalls sind die Menschen, wie Bruno Latour zu Recht bemerkt hat, „nicht mehr unter sich“: Die Gegenstände spielen mit, nehmen Bedeutungen an oder stehen im Weg.

Dabei tretren immer wieder einzelne Objekte aus der Anonymität heraus und werden zu Gegenständen einer besonderen Aufladung: im Museum versetzt man Objekte in Vitrinen, leuchtet sie aus und versieht sie mit zahlreichen Einfassungen und Beschriftungen. Aber wer oder was redet in den Dingen? Was bleibt etwa vom Leben des Thomas Wolsey in jenem roten Kardinalshut zurück, den er im England des 16. Jahrhundert auf dem Kopf trug (Bibliothek des Christ Church College, Oxford)? Wieso soll eine Tasse beachtenswert sein, nur weil Heinrich von Kleist aus ihr getrunken hat (Kleist-Museum, Frankfurt/Oder)? In solchen Inszenierungen erhalten die Dinge eine Bedeutung, die man ihnen nicht ansieht, von der man aber wissen kann. Ihre Zeugenschaft wird ihnen zugeschrieben, kann ihnen – wie die Echtheit eines alten Gemäldes - aber auch wieder abgeschrieben werden: Wenn sich die Überlieferung als ungesichert, die Expertise als falsch, die Signatur als mangelhaft erweist, verlieren die Reste ihren Mehrwert. Die Aura wird ausgeknipst, das Ding fällt auf den „Nullpunkt der Bedeutung“ (Paul Valéry) zurück.

Am Beispiel konkreter Objekte und unter Einbeziehung literarischer Texte (Ponge, Proust) und theoretischer Positionen (Latour, Heidegger, Flusser, Pomian) geht das Projekt der Frage nach, unter welchen Umständen Zeug zum Zeugnis wird, wie die bedeutungsgeladenen Dinge sich aber unversehens auch wieder entladen können.

Bisherige Publikationen zum Thema:

„Nur der Wasserhahn war Zeuge. Warum interessieren wir uns so für Dinge?“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Februar 2007 („Bilder und Zeiten“), Z 3

„Über Reste", in: Dingwelten. Das Museum als Erkenntisort, hg. v. Anke te Heesen u. Petra Lutz, Köln/Weimar: Böhlau 2005, S. 109-118.

„’Hier'. Bern, Kramgasse 47,“ in: Einstein on the Beach. Der Physiker als Phänomen, hg. von Michael Hagner, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag 2005, S. 274-290.

„Theorie der Gegenstände. 'Die Menschen sind nicht mehr unter sich“, in: Person/Schauplatz (= Interventionen 12), hg. v. Jörg Huber, Zürich/New York: Springer/Edition Voldemeer 2003, S. 209-222.

„Vorfälle in einer Glasvitrine“, in: Wilhelmstrasse 44, Berlin, hg. v. Michael Hagner, Anke te Heesen und Candida Höfer, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2003, S. 91-96.

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